In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen suchen viele Menschen nach Halt, während die Kirchen vor der Herausforderung stehen, ihre Rolle neu zu definieren und transformative Wege zu finden. Die „hinüber-Manufaktur“ zeigt, wie Kirche durch Vernetzung, Offenheit und neue Formen von Gemeinschaft und Spiritualität ihren „Heimatsound“ für die Zukunft gestalten kann.
Wir alle spüren es ganz deutlich: Wir leben in einer Zeit des „Hinüber“. Tiefgreifende Veränderungen sind zum Normalzustand geworden. Die Sehnsucht nach Sicherheit und dem, was hält und trägt, ist groß. Welche Rolle spielen in diesen Zeiten des Verlusts die Kirchen? Auf den ersten Blick erscheinen die Antworten höchst ernüchternd: Laut aktueller Untersuchungen fehlt vielen Menschen Gott nicht mehr. Aktuell bezeichnen sich 56 Prozent der deutschen Bevölkerung bewusst als religionslos und erwarten von den Kirchen so gut wie keine Antworten. Gleichzeitig besteht bei denen, die sich religiös verorten, eine hohe Erwartung, Antworten auf die Fragen des Lebens zu finden.
Dies bedeutet jedoch im Umkehrschluss keineswegs, dass die bisherigen Formen als tragend erlebt werden. Nur ein relativ kleiner Anteil findet sich in den bestehenden Strukturen einfach wieder. Gerade bei den Hochengagierten innerhalb der Kirchen gibt es ein großes Bedürfnis nach Veränderung. 96 Prozent der Katholik:innen wünschen sich laut der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung einen grundlegenden Wandel und gestalten diesen längst an vielen Orten mit.
Vieles ist bereits in Bewegung. Strukturen verändern sich, Altes steht neben Neuem, neben Resignation und Frustration ist viel Energie spürbar. Neben oft schmerzvollen Abbrüchen zeigen sich längst vielfältige Aufbrüche. Mal eher traditionell geprägt, mal auf eine ganz spezielle Zielgruppe hin orientiert, mal gesellschaftspolitisch motiviert oder im Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen engagiert. Zweifellos leben wir theologisch gesprochen in einem „Schon und noch nicht“.
Diese Situation der Veränderung in all ihrer Ambivalenz greift unser hinüber- Netzwerk auf mit drei Fragen: Was ist sozusagen „hinüber“? Was retten wir hinüber? Wie kommen wir hinüber? Also im Kern: Wie geht und gelingt Transformation in diesen gesellschaftlich und kirchlich komplexen Zeiten? Dass Kirche das kann, hat sie im Laufe ihrer 2000-jährigen Geschichte gezeigt. Doch wie geht das heute? Wie entsteht ein „Heimatsound“, bei dem Altes neben Neuem stehen darf? Wie muss dieser „Heimatsound“ klingen, damit viele angesteckt werden?
Offensichtlich trafen wir mit diesen Leitfragen der ersten hinüber Manufaktur einen Nerv: Im Nu waren die 80 Plätze ausgebucht, und Kirchentransformateur: innen, aus Leitungsebenen genauso wie aus Dekanaten und Pfarreien, katholisch und evangelisch, Haupt- und Ehrenamtliche, von Würzburg über Linz bis Bozen, kamen am 15./16. Mai 2025 ins Kloster Beuerberg, einen 900 Jahre alten Gebäudekomplex, selbst ein Ort des steten Wandels, des „Hinübers“.
Drei Schritte der Reflexion, begleitet durch den Pastoraltheologen Prof. Dr. Christian Bauer, waren der inhaltlich rote Faden, der sich auch für lokale Transformationsprozesse bewährt hat: Exploration durch Erkunden, Inspiration von außen und Konspiration durch das gemeinsame Spinnen von Ideen.
Beim gemeinsamen Erkunden vor Ort wurde klar: So manche Form, Theologie und Sprache ist hinüber, in vielen Fällen aber nicht ihr Inhalt und ganz sicher nicht die Botschaft Jesu. Dafür lohnt es sich, den Weg des Hinüber weiter zu wagen.
In den Gesprächen mit Menschen jenseits des kirchlichen Tellerrands wurde deutlich adressiert: Kirche hat in diesen Wandlungsprozessen eine gesellschaftliche und kulturelle Verantwortung, die sie wahrnehmen muss. Dies betonten v. a. Professorin Barbara Welzel, Initiatorin des Kirchenmanifests, wie auch die Soziologin Elsbeth Wallnöfer und der Architekt Walter Klasz. So unterschiedlich die Blickwinkel waren, eine Wahrnehmung trat hervor: Dort, wo sich Kirche mit unterschiedlichen Akteuren im Sozialraum vernetzt und offen gemeinsam nach Lösungen sucht, entstehen – manchmal ungewöhnliche – Ideen: Warum nicht eine Kirche für Demokratie entwickeln?
Warum nicht mit kommunalen Trägern gemeinsam weiterdenken? Warum nicht Räume öffnen und sehen, wer sie als Freiraum für sich entdeckt? Wie solche offenen Prozesse synodal aufgesetzt werden können, erklärte anschaulich der österreichische Architekt Walter Klasz (vgl. Interview S. 28). Er begann seinen Workshop anders als sonst: mit Stille und einer Einladung zum bewussten Hinhören.
Zum Schatz der ländlichen Räume und der Alpenregionen gehört die Volksreligiosität. Elsbeth Wallnöfer sprach von deren Charme. Wenn sie nicht nur Folklore ist, dann übersetzt sie die abstrakte Theologie in Gesten und Rituale, macht sie damit greifbar und besitzt weiter viel Kraft. Ein Thema, das es im Blick auf die Fülle des Heimatsounds lohnt, noch stärker zu fokussieren und das wir demnächst aufgreifen werden.
Doch es blieb nicht nur beim Analysieren. „Geschichten von drüben“ zeigten: Kirche der Zukunft ist jetzt. Und: Sie wird ökumenisch und vielfältig vernetzt sein oder sie wird nicht sein. Diesen schnell dahingesprochenen Satz machten die ökumenischen Perspektiven der Teilnehmenden konkret, wenn es z. B. um die Immobilien geht. Hier müsste es, so ein Appell aus den Diskussionen, unbedingt mehr Zusammenarbeit und gemeinsames Überlegen, gerade vor Ort, geben.
Thomas Prieto Peral, evangelischer Regionalbischof von München und Oberbayern, machte in seiner Geschichte vom Bunten Haus Miesbach einen wichtigen Perspektivenwechsel stark: weg von den Bedürfnissen der Gemeinde hin zu denen der Menschen vor Ort. Über 20 Ehrenamtliche sorgen als Gastgeber:innen dafür, dass Menschen in diesem Gemeindehaus ihre Heimat finden: zu Veranstaltungen, zum Coworking, zum Singen, zum Kochen, um etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, mit dem eigenen Verein, mit Freunden.
Kirche wird, so die These von Christian Bauer, zukünftig so sein, dass sie in ein Wohnzimmer passt. Sie lebt in Verbundenheit mit dem Sozialraum. Doch es wird keine Kirche ohne Sofa, Bibel, Kaffeemaschine und einen (mobilen) Altar geben. Damit ist nicht gemeint, dass in Zukunft Kirchen überflüssig werden. Sofa, Kaffeemaschine, Bibel und Tisch stehen für die vier kirchlichen Grundvollzüge, die die wesentlichen Aufgaben und das Selbstverständnis von Kirche beschreiben. Auch in Zukunft wird man uns Christ:innen daran erkennen müssen: Wie wir Gemeinschaft leben, aber auch Räume für Gemeinschaft anbieten, besonders über unseren Wohlfühlkreis hinaus. Wie haben wir Menschen am Rand, ihre Anliegen und Sorgen im Blick? Wie geben wir Zeugnis, teilen mit, was uns trägt? Was ist unsere spirituelle Quelle und wie schöpfen wir daraus durch Gebet und Gottesdienst? Wie können diese Grundvollzüge in die heutige Zeit hineinbuchstabiert werden, war eine Frage, die immer wieder im Blick auf die Praxis diskutiert wurde.
Eines, so alle Geschichten von drüben, wird für die Zukunft wesentlich sein: Die alten Gartenzäune abzureisen, sich nicht an Strukturen abzuarbeiten, sondern anzufangen und zu machen. Im letzten Teil der hinüber Manufaktur war Platz, sich von vielen anderen Drüben-Geschichten begeistern zu lassen, aber auch zu überlegen, wie die Impulse, in die eigenen Kontexte übertragen werden können.
Die vielen Rückmeldungen zeigen: Die Manufaktur gab zahlreiche Impulse, und man konnte sich über Diözesen und Konfessionen hinweg vernetzen. Nicht alles war gelungen und manche Themen blieben vorerst zu allgemein oder noch unterbelichtet. Für uns ist dies ein Ansporn, das Netzwerk zu erweitern und Themen vertieft anzugehen. Ein Wunsch wurde jedoch vielfach formuliert: Weiterzumachen mit online-Formaten und im nächsten Jahr mit einer neuen Manufaktur – auf der Suche nach einem Heimatsound für die Gemeinde vor Ort.
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Text: Dr. Claudia Pfrang