Gottvertrauen stärken und Lebenskraft finden. Die Frage nach der Bedeutung von Religion stellt sich heute neu – in einer Zeit, in der viele Menschen ohne Glauben leben und dennoch Sinn und Erfüllung finden. Der Artikel von Domberg-Direktorin Dr. Claudia Pfrang greift diese Entwicklung auf und geht der Frage nach, welche Rolle Glaube unter diesen Bedingungen noch spielen kann. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf gesellschaftliche Trends, sondern auch auf persönliche Erfahrungen und Zugänge. Im Zentrum steht die Suche nach Wegen, wie Glaubenskraft im Alltag neu entdeckt und gestärkt werden kann.
Braucht der Mensch Religion? Die Antwort wird je nach Standpunkt des Antwortenden unterschiedlich ausfallen. Die von beiden großen Kirchen 2024 herausgegebene sechste Mitgliedschaftsuntersuchung belegt, dass Religion im Leben der Menschen immer weniger eine Rolle spielt. 56 Prozent der Deutschen bezeichnen sich als säkular und sind religiös kaum ansprechbar. Sie brauchen, wie es Jan Loffeld in seinem Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ betont, Gott nicht, um ein erfülltes Leben zu führen. Religionssoziologische Studien bestätigen seit langem, dass vielen nicht nur die religiöse Sprache, die Riten und Rituale – ganz zu schweigen von den kirchlichen Institutionen – fremd geworden sind, sondern sie schlicht kein Bedürfnis mehr danach haben. Nicht nur die Kirchlichkeit, nur noch 13 Prozent bezeichnen sich als kirchlich religiös, auch die Religiosität geht zurück. Wenn der Mensch Sinn sucht, existenzielle Fragen stellt und sich selbst zur Frage wird, dann hat dies immer seltener religiöse Konnotationen. Wir befinden uns inzwischen in einer säkularen Mehrheitsgesellschaft. Religiöse Indifferenz ist, so Jan Loffeld, „eine Leerstelle, die nicht vorschnell zu füllen und zu überbrücken ist. Sie ist ein wirklicher Null-Ort, ein Ort, an dem nichts ist und nichts sein soll, weil dieses Nicht-Sein noch nicht einmal bemerkt wird.“
Revival oder Strohfeuer?
Und dennoch: Religion ist nicht aus der Gesellschaft verschwunden und wird es – so die Empirie – auch in Zukunft nicht. Durch evangelikale sowie rechtskatholische sehr erfolgreiche Kreise, die sich nicht zuletzt mit politischen Akteur:innen verbünden, ist Religion wieder neu auf der Bühne zurück mit durchaus fragwürdigen Inhalten und Praktiken. In kirchlichen Kontexten werden häufig steigende Taufzahlen wie etwa in Frankreich und auch mancherorts in Deutschland als „Quiet Revival“ angeführt. Auch die kirchliche Jugendarbeit erfreut sich weiter großer Beliebtheit. Der BDKJ verzeichnet mancherorts gesteigerte Mitgliedszahlen. Vor der Folie der religionssoziologischen Forschungen ist das sicher kein Revival, aber vielleicht ein Anzeichen dafür, dass neben vielen anderen Möglichkeiten auch Glaube gerade in unsicheren Zeiten eine Lebenskraft sein kann. Doch bei aller Rede von Religion und Religiosität gilt es vorsichtig zu sein, eigene religiöse Erfahrungen auf andere zu projizieren, Menschen Bedürfnisse zu unterstellen oder sie ihnen schlicht abzusprechen, weil sie sie anders stillen oder deuten. Doch ganz offensichtlich braucht der Mensch Religion nicht unbedingt und niemand wird glauben, weil man ihm analytisch erklärt hat, wie nützlich es doch sei zu glauben. Religion ist, so die Empirie, kein Existential, das zum Menschen unabdingbar dazugehört. Der Mensch ist gottesfähig, aber nicht zwingend gottesbedürftig. Glaube ist eine Option unter vielen – sicher nicht die einzige und inzwischen nicht mehr die naheliegendste. Daneben gibt es vieles andere, was dem Menschen hilft, sein Leben zu bewältigen und erfüllt zu leben. Die Demut vor dem eigenen Deutungshintergrund und der Respekt vor dem anderer sind hier gefragt, wenn wir Christ:innen vom Glauben als Lebenskraft sprechen. Dies umso mehr, als angesichts missbräuchlicher geistlicher Macht in Glaubensorganisationen die Gefahr besteht, dass der Zugang zur eigenen Lebenskraft verstellt wird.
Was zeichnet Religion aus?
Religion meint etymologisch gesehen Rückbindung. Nach Gerd Theißen ist Religion „ein kulturelles Zeichensystem, das Lebensgewinn durch Entsprechung zu einer letzten Wirklichkeit verheißt“. Sie hat ordnende Kraft, ist eine Form der Krisenbewältigung bei Grenzerfahrungen und in emotionalen Tiefen wie beispielsweise bei Angst, Verlust, Schuld. Gleichzeitig kann sie auch Krisen hervorrufen. Zu unterscheiden ist zwischen Religion(en), die ein Lehrsystem und die dazu zugehörige Institution bezeichnen, und Religiosität, also dem gelebten Glauben, der sich auf das subjektive religiöse Leben, Empfinden und die Erfahrungen des Einzelnen bezieht. Säkulare und religiöse Erfahrungen unterscheiden sich dadurch, dass die einen Erfahrungen der Selbsttranszendenz, die Gläubige wie Nichtgläubige in Erfahrungen des „Mehr“ machen, für rein innerweltlich halten, während Christ:innen eine Erfahrung mit Gott für möglich halten. Erfahrung wird also unterschiedlich gedeutet, je nachdem welchen Deutungsrahmen Menschen zur Verfügung haben. Religiöser Glaube, so der Religionsphilosoph Hans Joas, „beruht auf intensiven Erfahrungen; er ermöglicht die Teilhabe an Ritualen, die selbst wieder Quellen von Erfahrungen sind; er bietet Vorbilder an, die uns zur Nachfolge einladen, und er enthält Geschichten und Mythen, die uns bei der Deutung unseres eigenen Lebens und der Geschichte anleiten und uns helfen, Fragen nach dem Sinn unserer Existenz zu beantworten. Entscheidend dabei ist, dass all diese Erfahrungen, Symbolisierungen und Narrationen viel zu reich sind, als dass sie sich auf Formeln bringen ließen. (…) Gewiss folgen aus dem Glauben für den Gläubigen Orientierungen, aber sie folgen aus ihm nicht in abstrakter logischer Ableitung, sondern durch die konkrete Ausdeutung der immer riskanten Situationen des Entscheidens und Handelns.“
Für den evangelischen Theologen und Religionsphilosophen Paul Tillich ist der Glaube nichts Statisches, sondern ein Vollzug. Er gründet in dem unbedingten Vertrauen in das Leben, in das Sein selbst und auf Gott. Letztlich ist es ein Wagnis, im Vertrauen auf den Grund des Seins sein Leben nach vorne hin zu leben. Glauben als das „Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht“, heißt für Tillich, im fragilen Lebensgelände und sogar angesichts von Abgründen nicht zu verzagen und den Mut zum Leben auch in schwersten Krisen nicht zu verlieren. Glauben ist in diesem Sinne eine Lebenskraft, die nicht auf innerweltliche Sicherheiten setzt, sondern auf ein im Unbedingten, in Gott sich gründendes Vertrauen, das hält und trägt.
Vertrauen entsteht nicht einfach so. Es braucht eine Vertrauensgrundlage, hat mit trauen zu tun: einem anderen oder sich selbst. Es kommt nicht von allein, sondern ist ein (gemeinsamer) Weg. Es braucht Gelegenheiten, in denen dieses Vertrauen gespürt, erlebt und gestärkt werden kann. So wie der Strom nur fließt, wenn das Kabel an der Steckdose angeschlossen wird, braucht der Glaube, wenn er kraftvoll strahlen soll, immer wieder die Verbindung mit Gott, die Erfahrung von gehalten und getragen sein.
Über die „Trotzkraft“
Du kennst meine Wege des Elends.
Sie sind alle aufgeschrieben
in deinem Buch.
Du sammelst meine Tränen
in deiner Schürze.
nach Ps 56,9
Trotz aller Widerstände das unbedingte Ja zu wagen, das nennt die evangelische Theologin Christine Brudereck Trotzkraft. Damit verbindet sie Haltungen wie: sich nicht brechen lassen, auch dem Schlimmsten etwas abgewinnen, immer wieder aufstehen und weitergehen, die innere Freiheit bewahren und sich von unheilvollen Zusammenhängen lösen, Wege finden und Vertrauen haben. Christlicher Glaube ist keine Wohlfühlreligion, sondern eine, die dem Leben immer etwas „abtrotzt“, weil er sich, wie in Ps 56,9 in ein tröstliches Bild gebracht, Gott in die Schürze weinen und Gott für all das Leid auch anklagen kann, wie die Klagepsalmen im Alten Testament trefflich zeigen.
Wie ein Baum,
gepflanzt an Bächen voll Wasser
und dessen Blätter nicht welken.
nach Ps 1,3
Wie geht das heute, mit ihm in Berührung zu kommen und Gottvertrauen zu stärken – nicht nur im Gottesdienst, in Worten und Sprache von heute? Wie können wir immer wieder „unser Kabel an die Steckdose anschließen“, um unseren Glaubensakku aufzuladen?
Meistens kommt Gott ganz leise, im Unscheinbaren, im Alltag, in der Begegnung mit Menschen, so wie Elija es erfuhr, dem Gott eben nicht in zerstörerischen oder lauten Naturgewalten, sondern im leisen Säuseln erschien. Es braucht daher Möglichkeiten im eigenen Leben und Alltag, um offen zu sein für das, „was uns der Himmel schickt“, für den Hoffnungsschimmer, für gute Worte und Gesten, die ermutigen und stärken.
Eine wichtige Rolle können hier Rituale sein, Handlungen, die wir immer wieder allein oder mit anderen in einer bestimmten Art und Weise vollziehen. Sie bringen oft mit einem Symbol zum Ausdruck, was wir mit Worten allein nicht sagen können. Rituale sind Rastplätze für die Seele und öffnen den Himmel über uns. In den Ritualen geht es nicht darum, mehr aus sich herauszuholen, sondern um Spuren, auf denen wir zu unserer eigenen Lebendigkeit finden und die uns helfen, unser Leben aufmerksam zu leben, Kraftquellen zu entdecken und fließen zu lassen. Sie sind ein Weg, Boden unter den Füßen zu spüren, uns nach dem Himmel auszustrecken und Schritt für Schritt mutig in die Zukunft zu gehen.
Wie solche Rituale praktisch in den Alltag eingebaut werden können, zeigt erfrischend OMG – Abkürzung für Oh my God! Wie oft sagen wir das in unserem Alltag und sind uns nicht bewusst, dass wir uns damit auch an Gott wenden könnten. Das kleine Büchlein für die Jacken- oder Rucksacktasche bietet, wie der Untertitel sagt, alltägliche Sinneserweiterungen, um „in den Genuss von Gottes Hilfe“ zu kommen und mit ihm in Kontakt zu treten. Es inspiriert, wie Gottes Kraft im Leben praktisch spürbar werden kann. Es erzählt von Beispielen bekannter und weniger bekannter Menschen, die Ideen hatten, wie man mit dem liebenden Blick Gottes auf die Menschen das Leben besser meistern kann, und übersetzt dies in ganz konkrete praxistaugliche Rituale für das tägliche Leben.
Zum Beispiel anschließend an die Mönche von Patmos und deren Auffassung „Wer an Gottes Brust liegt, der fühlt den Herzschlag Gottes“ die Anregung: „Nutzlose“ Zeit mit Gott zu verbringen, indem ich meine Hände auf Brusthöhe lege und den Herzschlag spüre. Das ist eine einfache Form des Gebets, des Dialogs mit Gott.
Eine andere Idee anschließend an eine Bibelerzählung: Wenn der Alltag wie ein Schnellzug an einem vorbeizieht, die heiligen Momente im Alltag zu genießen und dabei wie die Frau aus Bethanien, die Jesus gesalbt hat, verschwenderisch zu sein.
Angeregt durch die Influencerin Gabriele Bernstein wird folgendes Ritual anempfohlen: Wenn Wünsche und Träume sich nicht einstellen wollen, nicht krampfhaft an den eigenen Plänen festzuhalten, sondern dem Lauf der Dinge und dem Zufall zu vertrauen, der aus Zitronen Limonade macht, die eigene Sehnsucht loszulassen und sie Gott anzuvertrauen. Dazu könnte man leicht abgewandelt sprechen: Gib mir Gelassenheit und Freude den roten Faden in meinem Leben zu entdecken.
Christina Brudereck spricht von der Trotzkraft der Festtage. Jedes Jahr aufs Neue feiern Christ:innen, dass Gott Mensch wird, dass er ganz bei den Menschen eintaucht, sie begleitet, mit ihnen unterwegs ist, mit ihnen leidet. Das Jahr mit seinen Ritualen lässt in Symbolen und Gesten, in Liedern und Gebräuchen sinnenfällig werden, was wir mit der Vernunft nicht allein erfassen können. Die damit verbundenen, immer wieder erzählten Geschichten der Geschichte Gottes mit uns Menschen haben heute noch Kraft. Ist nicht die Osternacht jedes Jahr großes Kino! Dass diese Feste immer wiederkehren, gibt die Chance, jedes Jahr neu in die Geschichte Gottes mit den Menschen einzutauchen und in dieser Verlässlichkeit gewiss zu sein: Gott ist den Menschen treu.
Wenn ich dich anrufe,
so erhörst du mich
und gibst meiner Seele große Kraft.
nach Ps 138,3
Menschen, die Kraft geben
Gottvertrauen lernen wir auch im Erinnern, im Befragen und sich Erzählen. Sich in der Erzählgemeinschaft, in einem Netz von Menschen aufgehoben fühlen, sich mit Menschen zu verbinden und denen zu folgen, die inspirieren und glauben, auch wenn man selbst dies gerade nicht kann. Das ist zuweilen heikel in einer Zeit, in der sich auf Social Media so verschiedenes tummelt, was auf den ersten Blick attraktiv scheint, auf den zweiten jedoch sehr einseitig und manipulativ ist. Hier lohnt es sich mehr denn je, Follower:innen von „ikonischen Persönlichkeiten“ zu sein, die wir in der Bibel finden. Für mich sind die Frauen in der Bibel wichtige ICONS, Frauen, die hartnäckig, widerständig und mutig waren.
Wir können diese Personen nicht mehr befragen, aber in den biblischen Geschichten begegnen sie uns, entstehen Bilder. Das ist die Kraft von Geschichten. Das Eintauchen in Geschichten eröffnet die Möglichkeit, Emotionen anzunehmen und zu verstehen, Handlungen zu antizipieren und sie für sich später adaptieren zu können. Im Buch „ICONS. Glaubensheld*innen aus der Bibel und heute“, bekommen zwölf alttestamentliche – bekannte und unbekannte – Bibelpersonen eine Stimme und ein Gesicht, indem ihre Geschichte zu einem Thema in ikonografischen Bildern zusammengefasst wird. Das Spannende dabei: Jeweils vier Glaubensheld:innen von heute verhalten sich dazu. Legen ihre Geschichte zu diesem Thema dazu. Sie zeigen: Der Faden der Glaubensgeschichte geht weiter, er inspiriert, hält zusammen, lässt sich mit dem Alltag von heute verknüpfen. Er ist ein Strang, an dem es sich lohnt weiterzuknüpfen und neue Netzwerke entstehen zu lassen, um gemeinsam Neues zu entdecken.
Faithpower
Faithpwr heißt eine digitale und ökumenische Initiative von und für junge Erwachsene, eine von vielen Initiativen, die christliche Perspektiven mit alltagsnahen Themen verbinden und sich für eine diversitätssensible, ökumenische Kirche einsetzen.
Faithpower: Dieses kraftvolle Wort bringt für mich alles auf den Punkt: Die Kraft, die der Glaube geben kann, die Kraft Gottes, die im Alltag aufblitzt, wenn wir ihr Raum geben, die Kraft, die Christ:innen antreibt, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Konkret heißt dies: Den Raum der Hoffnung für sich und andere offenhalten, die Menschen ernst nehmen und sich ihnen zuwenden. Hier und heute ein Zelt als Obdach für Suchende und Verletzte aufschlagen, im respektvollen Dialog einander ernst nehmen und füreinander da sein, sich öffentlich einsetzen für Frieden und Gerechtigkeit.
Faithpower eröffnet einen Erfahrungsraum dafür, dass Gott das Schicksal der Menschen anrührt und er Menschen Kraft und Hoffnung gibt, die Welt zu verändern. Glaube ist eine Lebenskraft, die wirken kann.
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Text: Dr. Claudia Pfrang