Abschiednehmen, sich verabschieden – es gehört zum Leben dazu: Jemand macht sich auf den Weg, etwas ist plötzlich weg. Wir begeben uns auf Spurensuche nach den Tiefendimensionen menschlichen Abschiednehmens.
Ein populärer Buchtitel, der Eingang in die Alltagssprache gefunden hat: „Ich bin dann mal weg“. Hape Kerkeling berichtet von einer längeren Pilgerschaft nach Santiago de Compostela – als Weg zu sich selbst. Weg sein, auf dem Weg sein und bei sich selber ankommen ... Ob das auf alle Abschiede passt? Ich sollte mich mit Abschieden auskennen. Acht Jahre Begleitung von Hospizbewohner:innen und ihren Zugehörigen, Familien und Freund:innen. Abschied von meinen Eltern, von der Generation vor mir in meiner Herkunftsund Schwiegerfamilie. Ich habe Freundinnen und Freunde beim Abschied von ihren Lebensmenschen begleitet, halte mit ihnen die Spannung zwischen Verlust und Neubeginn (einer neuen Beziehung) aufrecht, erinnere mich mit ihnen an den Todestagen, an Allerheiligen, bei gemeinsamen Gräberbesuchen an ihre Verstorbenen, zünde Kerzen in Kirchen an und bekomme tröstliche Erinnerungen an meine Lieben geschenkt. Ist das eine abschiedliche Haltung? Gibt es so etwas? Oder anders gefragt: Was meint „abschiedlich leben“?
Kann man Abschiede lernen? In der Hospizszene gibt es Menschen, die einen glauben machen, man müsse einfach loslassen. Da gehen bei mir die Alarmglocken an. Loslassen wird dann als solistische Aktion verstanden: „Tu es, sonst endet dein Leben unschön.“ Vermutlich ist das dann eher eine erschöpft-aggressive Reaktion auf einen nicht mehr umkehrbaren Prozess. Es geschähe einfach so, und wir müssen es geschehen lassen. Abschied als Ende der Wirksamkeit. Abschied hat etwas mit Scheiden, Unterscheiden, Ausscheiden und am Ende mit Verscheiden zu tun – sehr lebendige Aktionen.
„Winter ade, Scheiden tut weh, aber dein Scheiden macht, dass mir das Herze lacht.“ Jahreszeiten sind in unseren Breiten (noch) unterscheidbar und strukturieren durch unterschiedliche Tageslänge, Veränderung in der Vegetation, Gerüche, Regen- und Trockenperioden, wie wir unsere Zeit wahrnehmen. Wenn wir den Unterschied von Tag und Nacht wahrnehmen, wenn uns das Dunkel zur Ruhe kommen und die Sonne uns wach werden lässt – Leben als Kommen und Gehen. Aktiv oder passiv? Lassen wir uns da los oder fügen wir uns in eine größere bewahrende Ordnung ein? Meine Gedanken zum Abschied lenke ich eher in die letztere Richtung. Ich tue es in dem Wissen, dass nicht alle Abschiede harmonisch sind, dass es unzeitige Abschiede gibt, unangekündigte, unversöhnte, unüberlegte, unmögliche Abschiede.
Das ist die Realität des Todes: Menschen gehen zu früh, weil sie sehr krank sind. Sie haben keine Zeit und keine Kraft, sich zu verabschieden. Sie haben nicht gefragt oder man hat ihnen die Wahrheit, die Prognose zur verbleibenden Lebenszeit erspart oder verweigert, mit welcher Absicht auch immer.
Abschied nehmen setzt voraus, dass ich ahne, warum das jetzt so sein muss. Und die Ahnung, das Vertrauen, dass es Sinn hat – dass es jetzt nicht anders geht. Unterscheidet sich dieses Motiv vom aggressiv-erschöpften Loslassen?
Eine semantische Variante, eine Alternative zum Abschied ist der Begriff Urlaub. Ursprünglich meint Urlaub, dass mir jemand (mein Arbeitgeber, meine Familie, mein Freundeskreis) eine Zeit ohne Verpflichtungen gewährt. Ich habe Anspruch drauf, er ist gesetzlich geregelt, soll der Erholung dienen.
Abschied im tieferen ordnenden Sinn setzt voraus, dass meine Bezugsmenschen mir das Weggehen gewähren. Dass sie es mir „gönnen“, auch wenn sie es nicht verstehen, dass es ihnen schwerfällt. Ich darf weg sein, ich mache mich nicht einfach aus dem Staub.
Es gibt in der christlichen Ikonographie den Begriff Urlaubsbild/Urlaubung (vgl. Paul Riedmatter, Die Ikonographie des Abschiedes Jesu von Bethanien, München 1931). Albrecht Dürer hat in seiner Holzschnittfolge des „Marienlebens“ diesen „Urlaub“ dargestellt – klar, fast nüchtern.
Die apokryphen Evangelien verlegen diesen Urlaub, das Einholen der Erlaubnis zum Gehen, auf den Mittwoch vor Palmsonntag. Die Szene spielt an einem geöffneten Tor in Bethanien. Jesus markant neben dem Türpfosten. Wir ahnen, wozu er Erlaubnis braucht – und wir sehen die Reaktion seiner Mutter auf diese maximale Zumutung. Maria ist überfordert, sie ist zusammengebrochen. Eine andere Frau stützt sie. Die beiden Freundinnen aus Bethanien, Maria und Martha, kennen sich mit Abschied sehr gut aus. Ihr Bruder Lazarus ist vor Kurzem erst gestorben. Und auch nach der wunderbaren Erweckung des Verstorbenen bleibt die Ambivalenz des Weggehens und Zurückkommens spürbar: Jesus, der Freund, der Trost spendet und Leben bringt, erlaubt es sich, zu gehen und seine Mutter, seine Freundinnen mit einer klaren Ansage zurückzulassen: Ich muss gehen, und etwas Neues, Unbekanntes wird kommen.
In der Inszenierung des Abschieds Jesu sind wir acht Tage vor dem Beginn des Sterbens. Jesus steht, wörtlich, zu dem, was kommt, was unvermeidbar ist. Und bittet um Verständnis – ohne Worte, aber mit klaren Zeichen. Der konzentrierte Blick, die deutende Hand auf den Holzpfosten hin, der verdorrte Baum, der Weg in das Todestal.
Menschen, die sehr krank sind, spüren den kommenden Abschied. Am eigenen Körper, an den stummen Reaktionen ihrer Lieben. Und oft fehlen Zeichen, Worte, Atmosphären, all das wahr werden zu lassen. Abschiede brauchen die Inszenierung – das Wort, die Tränen, die Zusage, die Intimität: Es tut mir weh, dass ich dich allein lasse. Dass ich meine Zusage, mit dir alt zu werden, mich um dich zu kümmern, nicht einhalten kann.
Das muss ich mir erlauben ... Erlaubst du mir das auch? Der Dialog der Liebe. Ein radikales Vertrauen, eine Zumutung.
Das große Tor auf dem Bild bietet einen Rahmen, durch den alle Personen gehen werden – die Frau ganz links braucht noch etwas Zeit. Wir werden sie wieder treffen, beim Ster[1]ben des Christus. Und da, unter dem Kreuz, ist dann der „Wert“ des Abschieds sichtbar. Ein anderer Rahmen entsteht. Der Sterbende kann sich von den anderen Anwesenden verabschieden, ordnet noch Seelen- und Rechtsangelegenheiten (Deine Mutter, für die Du, Johannes, zu sorgen hast. Das Paradies ist offen, auch für Verbrecher, die tödliche Schuld ist entschuldbar vor Gott). Der Sterbende betet, allein. Auch da macht er einen Unterschied, der so sein darf. Maria steht beim Kreuz. Christus hängt erschlafft, liegt dann tot in ihrem Schoß, sie kann ihn jetzt halten, umfassen. Der Unterschied, der mehr ist als Ambivalenz oder Passivität.
Warum traue ich diesen Bildern? Ich habe Ähnliches in der Begleitung von sterbenden Menschen und in den Wegen mit ihren Zugehörigen erlebt.
Die alte Mutter von Melanie – ihre Tochter entsprach in ganz vielen Aspekten nicht den bürgerlichen Werten ihres Elternhauses. Sie war verheiratet, hat einen Sohn, lebt jetzt mit einer Frau. Sie hat einen großen Tumor im Bauch. Sie ist von den Therapien aufgedunsen, keine Haare, nichts, was hübsch und entspannt ist. Sie liegt tot in ihrem Bett. Die alte Mutter schmückt ihren haarlosen Kopf mit einem Kranz aus Wiesenblumen und weint, „mein schönes Kind, meine schöne Melanie“.
Eine Frau, die von den Veränderungen bei ihrem Mann überrollt wird – der schnell wachsende Gehirntumor macht sehr bald alle verbalen Kommunikationsversuche unmöglich. Es ist noch nicht alles geklärt, unerledigte Geschäfte, er kann sie nicht um Erlaubnis bitten, kann ihr nicht erklären, dass er so nicht weiterleben kann. Sie übernimmt, angeleitet und begleitet von den Pflegenden im Hospiz, Aufgaben bei der Körperpflege. Abschied braucht die Berührung, gibt Halt, man bleibt dabei, ohne zu binden. „Dass ich meinen Mann waschen und versorgen konnte, sogar als er schon tot war – das hätte ich nie für möglich gehalten. Es hat mir geholfen, in eine ‚gute‘ Trauer zu kommen.“
Abschiede könnten uns auch erlauben, Fehler einzugestehen und um Verzeihung zu bitten. In der Abschiedsgeschichte von Jesus kommt das vor, im realen Leben ist das leider nicht immer möglich. Ein schwer kranker Mann bittet eine ehrenamtliche Hospizbegleiterin, den Kontakt zu seiner Tochter herzustellen. Er hat sie viele Jahre nicht gesehen. Wir rufen sie an, sie will kommen, wir besorgen ihr die Fahrkarte. Dass die Begegnung die eines Täters und eines Opfers sein wird, ahnen wir nicht. Der Vater schafft es nicht, sich von seinem früheren Verhalten zu distanzieren. Der Abschiedsbesuch wird zur Katastrophe.
Abschied als unheilvolle Inszenierung ... beim Schreiben werden meine Gefühle, die ich an diesem Tag hatte, wieder lebendig. Abschied geht leider nicht immer gut.
Ein letztes Abschiedszeugnis: Wieder eine Liebesgeschichte, inszeniert von absoluten Spezialisten. Irvin Yalom, Psychotherapeut mit einer langen Liste an Tipps für Kranke und Sterbende („Den Tod nicht länger als dunklen Schatten fürchten, sondern als Teil des Lichts begreifen“ – Irvin Yalom, In die Sonne schauen, Erstdruck: München 2008), und seine Frau Marilyn sind über fünfzig Jahre verheiratet, beruflich erfolgreich, berühmt, haben vier wunderbare Kinder (drei sind Mediziner), „an awesome couple“.
Bei Marilyn wird eine unheilbare Tumorerkrankung diagnostiziert. Sie wird behandelt – und sie handelt. Sie verabschiedet sich von den Freundinnen ihres literarischen Salons, sie lädt ihre Kinder und Enkel zu sich ein und bespricht die Situation mit ihnen, sie lebt in diese Erlaubnis des Vergehens hinein. Sie schreibt Tagebuch, Irvin Irvin auch. Sie tapfer, klar, er ein narzisstischer Jammerlappen – empfindet er selbst so. Und sie mutet ihren Liebsten zu, dass am Ende, ganz am Ende ihre Kraft für das langsame Sterben nicht mehr reicht. Sie verabschiedet sich im Kreis ihrer Lieben mit der medikamentösen Hilfe eines Palliativmediziners ... Es ist nicht aggressiv-erschöpftes Loslassen, sie wusste wohl, dass ein Leben ohne Zumutung nicht möglich ist. Lesen Sie das Buch „Unzertrennlich“, eine Liebesgeschichte mit der Einladung, Ihren Lebensmenschen liebevolle und klare Gespräche und Wahrheiten zuzumut
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Gastbeitrag von: Hermann Reigber
(Hermann Reigber arbeitete mehrere Jahre in einem Münchner Hospiz und leitet die Christophorus Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit)